Die Kurmainzer Landwehr

in der südlichen Cent Bachgau
 

Zur Geschichte der Landwehr

Über 500 Jahre ist er alt, der steinerne Rundturm auf dem Binselberg zwischen Schaafheim und den Ortschaften am Welzbach (Pflaumbach). "Schaafheimer Wartturm" oder "Radheimer Warte" wird er genannt, obwohl er eigentlich auf Mosbacher Gemarkung steht. Die Jahreszahl 1492, sein Erbauungsdatum, erblickt man hoch droben unterm Dach, über dem Wappen des Mainzer Kurfürsten Berthold von Henneberg.

Der Wappenstein weist also den Mainzer Erzbischof, den Landesherrn der Cent Bachgau (auch Cent Ostheim genannt), als Auftraggeber für den Turmbau aus. Die stattliche Mauerstärke, die Gusserker (Pechnasen) und Schießscharten sowie der hochgelegene, früher nur über eine Leiter erreichbare Eingang - den heutigen, ebenerdigen, hat man erst in jüngerer Zeit heraus gebrochen - lassen die Wehrhaftigkeit des 22 Meter hohen Turmes noch deutlich erkennen.

Beeindruckend ist auch das Innere des Bauwerks, vor allem das unmittelbar unter dem gemauerten Dachkegel befindliche Geschoß, offensichtlich der Hauptaufenthaltsort der Turmbesatzung. Nicht nur die urtümliche Atmosphäre, die den Besucher hier umfängt, lohnt den kaum anstrengenden Aufstieg über die Holztreppe. Der Besucher wird auch die herrliche Aussicht genießen, die von den Odenwaldhöhen über die Bachgauebene hinüber zum Main und Spessart, bei klarem Wetter bis zum Taunus reicht. Jede der zahlreichen Maueröffnungen bietet eine andere Perspektive.

Vielfältig sind auch die Erzählungen und Sagen, die sich um das historische Gemäuer ranken. Wer Näheres hierüber wissen will, der sei auf die Heimatbücher der umliegenden Gemeinden verwiesen. Dort findet man auch Hinweise auf die ursprüngliche Funktion des Turmes. So schreibt Professor Heinrich Geißler, der Verfasser der Schaafheimer Chronik: "Er ist in einer unruhigen, von Fehden und Zwistigkeiten durchtobten Zeit als befestigter Wacht- und Signalturm für die zu seinen Füßen liegenden kurmainzischen Orte des Bachgaues errichtet worden und sollte zur Überwachung der angren­zenden feindlichen hanauischen, hessischen und pfälzischen Gebiete dienen. Gleichzeitig mit ihm oder etwas später, im 16. Jahrhundert, wurde längs der hanauisch-mainzischen Grenze eine Grenzbefestigung mit Wall und Graben gezogen, die vom Wartturm in nördlicher Richtung bis Stockstadt reichte und im Walde (Heege) heute noch sichtbar ist, während sie im Feld durch Einebnung und Bestel­lung längst verschwand und nur noch in der Schaafheimer Flurbezeichnung "Landwehr" (Landwehrgraben) weiterlebt."

Allgemeinwissen über Landwehren vermitteln folgende Ausführungen des Historikers Karl Nahrgang: "Eine Landwehr bestand aus einem oder zwei parallelen Gräben, die je nach dem Gelände nass oder trocken waren. Der durch den Erdauswurf entstandene Wall war mit abgekippten Hainbuchen oder mit Dornhecken bepflanzt, die ein undurchdringliches Gebück bildeten. Die frühesten Anlagen solcher Landwehren lassen sich bis in den Anfang des 14. Jahrhunderts zurückverfolgen.

Der Zweck der Landwehren war vielfältig. In den Zeiten einer ge­wissen Stetigkeit der territorialen Entwicklung konnte die Landwehr ein Herrschaftsgebiet abgrenzen. Dabei folgte sie keineswegs in ihrem ganzen Verlauf der Landesgrenze, sondern sie trennte inner­halb des Territoriums in einzelnen Gemarkungen in der frühen Rodungszeit auch Feld- und Waldmark und verhinderte das Eindringen des Wildes in die bestellten Feldfluren. In den Zeiten, in denen die Zölle eine Haupteinnahmequelle der Territorialherren bildeten, steuerte die Landwehr dem Grenzschmuggel, denn die vielfach ver­zweigten Wege innerhalb und außerhalb der Landwehr konzentrierten sich auf nur ganz wenige Durchgänge, die unter ständiger Bewachung standen und durch einen Schlagbaum gesperrt werden konnten. Warttürme auf beherrschenden Geländehöhen gestatteten eine Kontrolle der Landwehr auf weite Sicht. Der Wächter konnte dann bei drohen­der Kriegsgefahr oder bei räuberischen Überfällen rechtzeitig die auf den Feldern arbeitenden Bauern warnen, dass sie sich und ihr Vieh rechtzeitig hinter den Ortsbefestigungen in Sicherheit brachten. In späterer Zeit wurde auch oft noch auf der Innenseite ein Graben angelegt und der Wall dadurch erhöht. Ein Begleitweg längs der Landwehr ermöglichte ein bequemes Abreiten und eine weitere ständige Überwachung der Landwehrstrecke.

Mit dem Aufkommen und der Vervollkommnung der Feuerwaffen verloren die Landwehren immer mehr an Bedeutung, doch wurden sie stellenweise noch bis in das 18. Jahrhundert instand gehalten. Die grundlegenden territorialen Änderungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwerteten sie endgültig, so dass sie bald verfielen und in Vergessenheit gerieten."

Soweit die grundlegenden Informationen zum Thema Landwehren. Über die Mainzer Landwehr im Bachgau, deren genauer Verlauf uns hier interessiert, macht der Großostheimer Chronist Hans Karch folgende Angaben. Er stützt sich bei seiner Verlaufsbeschreibung auf einen Plan aus dem Kartenwerk "Novae Archiepiscopatus Moguntini Tabulae" des Nikolaus Person, das dieser dem Mainzer Erzbischof Anselm Franz von Ingelheim (1679 - 1695) gewidmet hat und auf dem diese Landwehr verzeichnet ist. Karch schreibt: "Die Wehranlage begann oberhalb Stockstadt an der Gersprenz, zog in ungefähr süd­licher Richtung zwischen dem Babenhäuser und Schaafheimer Wald ei­nerseits, dem Stockstädter und Großostheimer Wald andererseits, schnitt die Straße Großostheim - Babenhausen, führte östlich von Schaafheim vorbei gegen den Wartturm, überquerte den Schiffweg, nahm ihren weiteren Verlauf in südöstlicher Richtung zwischen Rad­heim und Mosbach, ließ Dorndiel westlich liegen und erreichte die Mümling oberhalb Mömlingens."

Eduard Pelissier, einer der wenigen Historiker, die sich mit den Landwehren des Erzstiftes Mainz beschäftigt haben, bezieht seine Informationen über den Verlauf unserer Landwehr aus demselben Kartenwerk des Nikolaus Person. Er erkennt zwischen Gersprenz und Mümling folgenden Verlauf: "Diese zog von der ehemaligen Papiermühle oberhalb Stockstadt zunächst längs der Gebietsgrenze, der die heutige hessisch-bayerische Grenze entspricht, zum Binselberg an den von Aschaffenburg nach dem Rheine führenden, schon 1338 erwähnten "Schiffweg"; von da, mit Ausschluss der sehr kleinen Gemarkungen Radheim und Dorndiel, auf deren Ostgrenze zum Tal der Waldamorbach und endlich wieder mit der Gebietsgrenze über den "Grenzberg" nach der Spathmühle an der Mümling, wobei sie zuletzt noch ein kleines Stück der gaufremden Gemarkung Sandbach einbezog."

Für mich waren diese Angaben von Karch und Pellisier erste Hinweise darauf, dass die "Bachgauer Landwehr" auch im Bereich der Mömlinger Gemarkung bzw. entlang der Gemarkungsgrenze verlaufen sein soll. Erste Eindrücke vom heutigen Aussehen der Landwehr brachte eine Wanderung entlang der bayerisch-hessischen Landesgrenze zwischen Gersprenz und Ringheim (Markt Großostheim). Dort an der Gersprenz, in unmittelbarer Nähe der verfallenen Papiermühle (auch Wald- oder Lumpenmühle genannt), westlich von Stockstadt, konnte ihr Anfang unschwer mittels der Landesgrenzsteine gefunden und bis zum südlichen Waldrand bei Ringheim verfolgt werden. Sie ist großteils noch relativ gut erhalten: drei parallel verlaufende Gräben (Abstand jeweils ca. 6 - 8 m) mit dazwischen liegenden Wällen. Zwischen Waldrand und Wartturm waren - wie zu erwarten - keine Spuren mehr zu erkennen.

Weitaus schwieriger gestaltete sich die Suche in der Mömlinger Gemarkung. Ein Verlauf entlang der Landesgrenze, wie ihn Pelissier und Karch angedeutet haben, kann aufgrund fehlender Geländespuren und der verwinkelten Grenzziehung kaum den Tatsachen entsprechen. Offensichtlich sind die beiden Geschichtsforscher (und weitere, die von ihnen abgeschrieben haben) diesem südlichen Abschnitt der Bach­gauer Landwehr nie im Gelände gefolgt, sondern haben sich bei ih­ren Beschreibungen lediglich an der ungenau gezeichneten Person-Karte orientiert. Wie wir noch sehen werden, trennte die Landwehr keineswegs die Bachgauorte Mosbach und Radheim und mit der Gemar­kung von Sandbach hat sie schon gar nichts zu tun.

Die Suche nach der historischen Sperranlage mußte also von ganz vorne beginnen. Glücklicherweise half der Zufall weiter. Bei For­schungen zur Geschichte der Wüstung "Hausen hinter der Sonne", die zwischen Mömlingen und Hainstadt im unteren Mümlingtal lag, stieß ich auf einige um 1700 handgefertigte Karten, auf denen eine Landwehr in der Nähe von Mömlingen in lokalisierbarer Form eingezeichnet ist. Nun war ein erster Anhaltspunkt gegeben und jetzt hatten auch Geländebegehungen endlich Erfolg. In Verbindung mit weiteren historischen Karten und Flurnamen, die sich noch in verschiedenen Archiven fanden, ergab sich ein nahezu vollständiges Bild vom Verlauf der Mainzer Landwehr zwischen unterer Mümling und dem Wartturm bei Schaafheim. Schauen wir uns das Ergebnis an.

Von der Mümling zum Wartturm

Die Anschlußstelle der Landwehr an die Mümling ist heute vom Rasen des Mümlingtalstadions am südlichen Ortsrand von Mömlingen über­deckt. Zwischen Stadion und der Bundesstraße nach Hainstadt ist noch ein schmales Gräbchen erhalten. Es zielt auf jenen stattli­chen Flurnamen jenseits der Straße, der auf dem Mömlinger Extradi­tionsplan von 1846[7] als "Schlaggraben" bezeichnet ist. dass dieser Name auf einen "Schlag" (Schlagbaum), einen einstigen Grenzdurch­laß, zurückgeht, erscheint naheliegend. Völlige Gewißheit konnten jedoch erst die obenerwähnten Hausener Karten bringen. Auf ihnen ist genau in diesem Bereich "Die Landwehr gegen Franckfurth" ver­zeichnet. Diese zieht von der Mümling, nahe der alten (heute nicht mehr vorhandenen) Brücke hinüber zum Waldrand und teilt die "Häuser Veldter und Wiesen" vom "Dorff Mömblingen". Somit bestäti­gen die Karten auch die auf einem Grenzsteinfund beruhende Angabe des verstorbenen Mömlinger Ortschronisten Adam Otto Vogel, dass der "Schlaggraben" die Grenze zwischen Hausen hinter der Sonne und Mömlingen gewesen sei.

Auch eine bisher rätselhafte Flurbezeichnung ist jetzt erklär- und lokalisierbar. Ich fand sie in einem Hausener Zinsbuch von 1545. Zu diesem Zeitpunkt wohnten die Beständer der Hausener Huben schon alle in Mömlingen. Auf dem Pergament heißt es: "acker oberm schlag im heuser feld, stost uff die landtwer". Dieses Grundstück lag also nahe der Stelle, an der die Straße von Mömlingen nach Hain­stadt die Landwehr, den "Schlaggraben", passierte.

Im oberen Bereich dieses natürlichen Grabens nutzte die Landwehr offenbar einen westlich zum Waldrand ziehenden Ausläufer. Der Um­stand, dass man die nächsten Geländespuren mitten im Wald antrifft, irritiert zunächst. Ein Blick auf die Urkarte der Gemarkung Möm­lingen zeigt jedoch, dass sich der Waldrand zwischenzeitlich ver­schoben hat. Damit erklären sich auch die alten, mit einem "B" (Breuberg) und M (Mömlingen) gezeichneten Grenzsteine auf der gleichen Linie. Hier haben wir ehemalige "Rödergüter" der Herr­schaft Breuberg vor uns, die heute wieder bewaldet sind.

Die Landwehr zog also vom Schlaggraben den Hang hinauf, lief am westlichen Rand eines in den Wald hineinragenden Wiesenstreifens (alte Waldgrenze!) hinter der "Eichwaldhütte" über die Wasserscheide und überquerte dabei den Weg zur alten Mömlinger Eisengrube (bereits 1385 erwähnt!). Von dort bis zum Rand der Waldabteilung "Eichwäldchen" ist sie noch im Gelände zu erkennen.

Im Feld verliert sich ihre Spur, doch gehen wir sicher nicht ver­kehrt, wenn wir sie über die Feldlage "Wolfshecke" (wahrscheinlich führte sie am Rand dieses ehemaligen Wäldchens entlang) zum gegen­überliegenden Waldsaum des "Eichelberg" (Waldabteilung "Großer Wald") gehen lassen, wo ein mächtiger Graben hinunter ins Amorbachtal führt. Dort hat sich sogar der Flurname "Landwehr" erhal­ten! In seinem Bereich weist die Mömlinger Urkarte einen auffälligen Geländestreifen auf, der hinüber zum Amorbach zieht.

 Das hier südlich des Baches liegende Gelände heißt "In den Lösern". Solches früher durch das Los an Gemeindebürger vergebene Ackerland war meist durch Rodung gewonnen worden. Dies lässt die Schlussfolgerung zu, dass der Amorbach - damit auch die ihn sicher als natürliches Hindernis nutzende Landwehr - einst am Waldrand verlief.

 Nach ungefähr 700 Metern verengt sich das Tal, der Wald zu beiden Seiten nähert sich dem Bachlauf. Wir sind an jener Stelle, an der auf einer Mömlinger Forstkarte von 1788 ein quer durch das Tal verlaufender Streifen eingezeichnet ist, zweifellos ein - strategisch günstiger - Sperrriegel. Wie er beschaffen war, dürfte der Flurname "am Dorn dille" (dille/diel kommt von mhd. dulle = Hag, Zaun) verraten, den ich im ältesten Mömlinger Kirchenrechnungsbuch von 1539 fand. An den Durchlass durch diese Talsperre bzw. die Landwehr erinnert die überlieferte Bezeichnung "Oberm Schlag" für die benachbarte Feldlage.

Die überörtliche Bedeutung dieses Grenzüberganges im Amorbachtal bzw. der durch ihn verlaufenden Straße wird an folgenden zwei Ereignissen erkennbar. So wurde Markgraf Joachim Ernst von Ansbach, als er 1607 mit 120 Reitern zu einer Kindstaufe nach Darmstadt reiste, vom kurpfälzischen Vogt der Burg Otzberg "beim Mümmlinger Schlag" empfangen und weitergeleitet. Der Weg, den man hierbei benutzte, war zweifellos die "Weinstraße". Unter diesem Namen ist noch auf jüngeren Karten ein Altweg verzeichnet, der - von Mömlingen kommend - zwischen Waldamorbach und Dorndiel über den Berg nach Groß-Umstadt führt. Als im Jahr 1589 Herzog Ludwig von Würt­temberg mit einem Tross von nahezu 400 Pferden von Darmstadt über Groß-Umstadt nach Mergentheim unterwegs war, hat er der überlieferten Wegbeschreibung zufolge ebenfalls die "Weinstraße" gewählt.

Kurz oberhalb der heutigen Landesgrenze im Amorbachtal öffnet sich in nordwestliche Richtung jenes Seitental, an dessen Ende der kleine Ort Dorndiel liegt. Sicherlich folgte die Landwehr zunächst dem am Waldrand fließenden Dorndieler Bach, einem kleinen Zulauf des Amorbaches. Wo der Nebenbach sich dem gleichnamigen Dorf zuwendet, bietet sich ein gewaltiger Graben zwischen "Steinbuckel" -" Scheidberg" und dem bewaldeten Berghang als Fortsetzung an. Er führt hinauf in jene Feldlage, die noch auf modernen Karten den Namen "Schlag" trägt. Ein älterer Dorndieler, den ich befragte, konnte sich sogar an einen Flurnamen "Landgewehr" in diesem Bereich erinnern.

Nicht unbeachtet dürfen wir in diesem Zusammenhang den Ortsnamen selbst lassen. Dorndiel, früher Dorndill geschrieben, bedeutet - es wurde oben schon darauf hingewiesen - Dornenhag/Heckenzaun. Mit der gegen Ende des 15. Jahrhunderts errichteten Landwehr hat der Ortsname mit Sicherheit nichts zu tun. Zum einen ist das Dörfchen und sein Name älter, zum anderen zog diese Landwehr nicht so nahe am Ort vorbei, um auf seinen Namen Einfluss zu haben.

Letzteres war aber dann gegeben, wenn schon früh, was sehr wahrscheinlich ist, die eigentliche Grenze zwischen den Centen Bachgau und Umstadt mit einem Heckenzaun befestigt war. Da der am westlichen Dorfrand liegende "Pfalzhof", auch "Dorndieler Hof" genannt (schon länger in zwei Höfe geteilt) einst zur kurpfälzisch-hessischen Cent Umstadt, das übrige Dorndiel aber zur mainzischen Cent Bachgau gehörte, verlief die alte Centgrenze, und damit auch der Centhag, zwischen den Hofstätten der Ortschaft. Dieser Besonderheit, der unmittelbaren Lage der Siedlung an einer "Dorndulle", dürfte der Ortsname Dorndiel seine Entstehung verdanken.

Zurück zur spätmittelalterlichen Landwehr. Die Suche nach ihrer Fortsetzung brachte Erfreuliches. Am Waldrand nördlich von Dorndiel, wenige Meter westlich einer Wanderhütte, fand sie sich - an ihrem höchstgelegenen Punkt (301 m über NN) - in noch relativ gut erhaltenem Zustand vor.

Wandert man den zwei Gräben entlang, so kommt man nach wenigen Mi­nuten an jenen Platz, auf dem bis vor wenigen Jahren der "Radheimer Turm" in den Himmel ragte, ein hoher Holzturm, der ob seiner herrlichen Aussicht, die er bot, ein beliebtes Wanderziel darstellte. Seine Erbauer waren sich bestimmt nicht bewußt, hier eine Art modernen Wartturm zu errichten, an einer markanten Stelle, wo der historische "Aschenweg" (auch Äschenweg, Eschenweg) die Landwehr und den Ortsverbindungsweg Dorndiel - Radheim kreuzt und die "Muttergotteskiefer" steht.

Weiter geht es bergab bis zu einem aufgelassenen Steinbruch, dem auch ein Stück unserer Grenzbefestigung zum Opfer gefallen ist. Unterhalb des Bruches lässt sich aber die Spur wieder aufnehmen, bis kurz vor dem Waldrand durch parallel verlaufende Wege und Wassergräben ihr Verlauf etwas undeutlich wird. Doch hier, am Radheimer Waldrand, von dem man den Blick in das Welzbachtal genießen kann, haben wir unser Ziel fast erreicht: den "Schaafheimer Wartturm". Wir sehen ihn drüben am Horizont hervorspitzen.

Für den Rest der Strecke, für die der Ackerboden verständlicher­weise keine Anhaltspunkte mehr liefert, sind wir in der glücklichen Lage, auf einen recht genau gezeichneten "Geometrischen Plan" der Gemarkung Radheim von 1765 zurückgreifen zu können. Die dort deutlich markierte Landwehr begleitete offenbar den alten Ortsverbindungsweg von Dorndiel nach Radheim. Dieser ist zwar nicht eingezeichnet, doch hat das wahrscheinlich im engen Nebeneinander der beiden seinen Grund. Der Weg verlief früher durch die "Große Hohl". Sie ist noch erhalten und gibt einen Anhaltspunkt für die unmittelbar daneben zu suchende Landwehr.

Radheim ist die Ortschaft, der die Landwehr am nächsten kam. Sie streifte das Dorf unmittelbar am Westrand, so dass alle von dort ausgehenden Wege (nach Schaafheim, Kleestadt, Kleinumstadt, Häuserhof und Dorndiel) am Ortseingang ihren - hier gut kontrollierbaren - Durchlass hatten. Bezeichnenderweise heißt dieser Bereich bei den älteren Radheimern heute noch "Die Wacht"!

Von Radheim aus verlief die Landwehr ein Stück parallel zur Straße nach Schaafheim, um dann zum Wartturm abzubiegen. Stünden die alten Gemarkungsgrenzsteine zwischen Radheim und Mosbach nach, so wäre bei Stein Nr. 72 ein dazwischen liegender Fixpunkt erhalten geblieben. Zwischen Warte und Gersprenz folgte die Landwehr, wie bereits gesagt, der Landesgrenze und ist im Wald noch erhalten.

Damit dürfte der bisher unbekannte (bzw. unzutreffend beschriebene) Verlauf der Kurmainzer Landwehr in der südlichen Cent Bachgau, zwischen unterer Mümling und dem "Schaafheimer Wartturm", rekonstruiert sein.

 

 Politische Hintergründe

Überblickt man den Gesamtverlauf der Landwehr auf der Karte, so fällt im südlichen Bereich das starke Abweichen der Landwehr von der Landesgrenze bzw. der ehemaligen Centgrenze (was später für Kurmainz Grenzstreitigkeiten mit den benachbarten Territorialher­ren zur Folge hatte) auf. Es ging also offenbar nicht primär um die Sicherung der (bestimmt schon längst durch Graben und Hecke markierten) Territorialgrenze, sondern vor allem um eine geographisch vorteilhafte Kontrolle des Grenzverkehrs, der nun gezwungen war, die bewachten Durchlässe, die "Schläge" zu benutzen.

Für den Landesherrn waren die an den Grenzübergängen kassierten Zölle ein einträgliches Geschäft. Hinzu kamen die Geleitsgelder, jene Gebühren, die Reisende, vor allem Kaufleute, für den Schutz durch eine Geleitsmannschaft zu zahlen hatten. Diese Zwangsabgabe wurde auch nach Wegfall des unmittelbaren Geleitschutzes erhoben.

Am stärksten sprudelten diese Einnahmequellen, wenn im Frühjahr und Herbst in Frankfurt Messe war. Dann rollten von Miltenberg das Maintal hinab viele Fuhrwerke, die der Weg von Augsburg und Nürn­berg her über Tauberbischofsheim-Külsheim an den Untermain geführt hatte.

Wohl die meisten Kaufleute sind in früherer Zeit im Bereich des Bachgaues, vor allem bei Großwallstadt, von der Maintalstraße ab­gebogen, um über (das zum Hoheitsbereich der Grafen von Hanau gehörige) Babenhausen den Weg nach Frankfurt abzukürzen. Das änderte sich, als Kurmainz 1486 das Recht erhielt, die Geleitsroute ausschließlich durch eigenes Territorium zu führen. Nun wurde verbindlich vorgeschrieben, von Miltenberg über Klingenberg, Aschaffenburg, Stockstadt, Seligenstadt, Steinheim und Offenbach zur Messe zu reisen. Mainz hatte somit die ergiebigen Geleitseinnahmen bis Frankfurt für sich allein.

Aus dieser Perspektive verfestigt sich die Überzeugung, dass es mehr finanzpolitisches Kalkül als die Absicht einer verstärkten Landesverteidigung war, was den Mainzer Erzbischof Berthold von Henneberg zur Errichtung der Bachgauer Landwehr (im nördlichen Bereich war es wohl der Ausbau einer älteren Grenzbefestigung) veranlasste. Dafür sprechen mehrere Gründe. Erstens erfolgte der Bau der Landwehr und der Warte gerade in den Jahren nach 1486. Zweitens ist die Landwehr am stärksten in dem für Wegabkürzungen bevorzugten nördlichen Bereich ausgebaut, besonders am Grenzübergang der alten Straße von Großostheim nach Babenhausen. Drittens konnten wir anhand des rekonstruierten südlichen Landwehrverlaufes zwischen Wartturm und Mümling eindeutig feststellen, dass es in erster Linie um die Kontrolle des Grenzverkehrs gegangen sein muss. Und schließlich deutet auch der Name "Landwehr gegen Frankfurt", den wir auf den eingangs erwähnten historischen Karten fanden, in diese Richtung.

Die für den Bau dieser Landwehr maßgeblichen politischen Hintergründe glauben wir nun zu kennen. Damit erklärt sich auch der zunächst irritierende Sachverhalt, dass zur kurmainzischen Cent Bachgau gehörige Orte - neben Dorndiel waren es noch Eisenbach, Neustatt (heute Neustädter Hof) und Hausen rechts der unteren Mümling - von dieser Landwehr nicht geschützt waren.

Was jedoch noch zu denken gibt, ist der auffällige Umstand, dass die Landwehr nicht nur das - damals schon großteils wüste - Dörfchen Hausen hinter der Sonne außer acht ließ, sondern auch dessen gesamte Gemarkung umgangen hat. An der Zugehörigkeit Hausens zur Cent Bachgau kann es nicht gelegen haben, denn diese beanspruchte Mainz allein für sich, wie die einschlägigen Jurisdiktionalbücher im Staatsarchiv Würzburg beweisen. Es muss also etwas anderes gewesen sein.

Beschäftigt man sich eingehender mit der Ortsgeschichte von Hausen hinter der Sonne, so lässt sich auch dieses Rätsel lösen. Das Dorf unterstand nämlich komplett, also einschließlich seiner gesamten Gemarkung, einem einzigen Herrn, und zwar dem Bamberger Dompropst. Diese Rechtssituation war im Bachgau ein Sonderfall. In den anderen Orten war die Grundherrschaft meist aufgesplittert und/oder Mainz hatte längst Besitz erworben.

Eine Landwehr durch die Hausener Gemarkung zu bauen, wäre also für den Mainzer Erzbischof mit erheblichen rechtlichen Komplikationen verbunden gewesen. Auch ein Ausbau der südlichen Gemarkungsgrenze von Hausen, die ja gleichzeitig die Centgrenze darstellte, war schlecht möglich, da diese mit den benachbarten Territorialherren, den Grafen von Wertheim als Inhabern der Herrschaft Breuberg, strittig war. Der heutige Zickzackverlauf der bayerisch-hessischen Landesgrenze im unteren Mümlingtal ist das Resultat dieser einstigen Machtkämpfe.

Hinzu kommt, dass Breuberg damals noch massive Rechte in Eisenbach (auch am Neustädter Hof) hatte, die Mainz erst später gegen das benachbarte Dorf Raibach eintauschen konnte. Auch beanspruchte die Herrschaft Breuberg nach altem Herkommen den "Wildbann", die hohe Jagd- und Forstgerechtigkeit, gerade in den Waldungen zwischen unterer Mümling und Main, ursprünglich sogar bis zum Welzbach. Allein von daher gesehen stieß hier die Befestigung der Mainzer Territorialgrenze, von der noch Reste zwischen Hausen - Hainstadt und Wörth - Seckmauern erhalten sind, auf erheblichen Widerstand.

Um in der südlichen Cent Bachgau wenigstens eine wirksame Überwachung des Grenzverkehrs zu bewerkstelligen, blieb Mainz eigentlich gar nichts anderes übrig, als diese Landwehr unter Respektierung der Gemarkung von Hausen zur Mümling als natürlichem Hindernis zu führen. Damit sind wir wieder am Ausgangspunkt unserer Betrachtung angekommen, denn dort, am Mömlinger "Schlaggraben", haben wir die Spur dieser spätmittelalterlichen, heute fast vergessenen Sperranlage aufgenommen.

 

Literatur
Wolfgang Hartmann: Die Kurmainzer Landwehr in der südlichen Cent Bachgau.
In: Der Odenwald 39 (1992), S. 43-57.

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