Zur Geschichte der Wasserburg

am Neustädter Hof
 

 

Es ist selten möglich, die Geschichte eines mittelalterlichen Bauwerks so lückenlos zu rekonstruieren, wie das bei der kleinen Wasserburg am Neustädter Hof der Fall ist, von der noch einige Mauern im Wiesengrund stehen. Eine Reihe von Urkunden und die kurze "Lebensdauer" der kleinen Wehranlage sind der Grund dafür. So wissen wir unter anderem, dass sie um 1403 von Jorg Bache von Neustadt - vor dem Hof bestand hier eine Siedlung dieses Namens - errichtet und unter seinen Nachkommen, den Brüdern Hans und Madern Bache, von Reitern des Mainzer Erzbischofs Dieter von Erbach im Jahre 1440 "gewonnen und verbrant" worden ist.

 

Der Grund für ihre Zerstörung war das Raubritterunwesen, das die beiden Niederadeligen betrieben und in dem sie offensichtlich ihre letzte Chance sahen, dem finanziellen Ruin und standesmäßigen Untergang ihrer Familie entgegenzuwirken. Doch wie vielen anderen ihresgleichen blieb schließlich auch ihnen nur die Möglichkeit, sich in die Abhängigkeit von Größeren zu begeben. So wurde Hans Bache Burgmann der Grafen von Wertheim auf der nahen Burg Breuberg, sein Bruder Madern pfalzgräflicher Dienstmann auf der Veste Otzberg.

 

Auslösendes Moment für die Schleifung ihrer Burg durch eine kurmainzische Truppe war gewesen, dass sie zusammen mit etlichen Knechten von ihrem Wehrbau zu "Newenstat uff der Mumlingen gelegen" aus Reisende angegriffen hatten, die unter Geleitschutz des Mainzer Erzbischofs standen. Wie aus den diesbezüglichen Archivalien hervorgeht, waren sie jedoch wegen "ander geschicht und verhandels" schon längst bekannt und berüchtigt.

 

Was das im einzelnen für Händel waren, die die Ritter vom Neustädter Hof auf dem Kerbholz hatten, ist dort leider nicht weiter beschrieben. Um so wertvoller ist eine Urkunde, die der Verfasser jüngst im Stiftsarchiv Aschaffenburg entdeckte und die etwas Licht in die damaligen Vorgänge bringt. Sie stammt aus dem Jahr 1434 und berichtet, dass der Ritter Hans Bache, der Sohn von Jorg, mit dem Aschaffenburger Kollegiatstift sowie mit dem Aschaffenburger Keller Konrad Schreiber (von Fritzlar) verfeindet sei. Im Laufe dieser Fehde habe Hans Bache den Johann Heseler, "Priester zu Wenig Omstadt", also den damaligen (bisher unbekannten) Ortspfarrer von Wenigumstadt, gefangen genommen!

 

Das muss ja eine recht rigoros geführte Fehde gewesen sein, wenn der Bache-Ritter noch nicht einmal davor zurückschreckte, einen Geistlichen zu entführen. Ob Hans mit seinen Mannen dem Wenigumstädter Pfarrer gezielt aufgelauert hat oder ob dieser ihnen zufällig über den Weg gelaufen ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Anzunehmen ist jedoch, dass der Kirchenmann in engerer Beziehung zum Aschaffenburger Kollegiatstift stand und deshalb zu den Feinden der Bache zählte.

 

Schaut man sich unter den Prälaten und Kanonikern des Stifts um, dann erhält man eine Bestätigung für diesen Verdacht. Für 1458 ist nämlich ein Stiftskanoniker Georg Heßler belegt. Er stammte aus Würzburg und wurde 1477 auf Wunsch von Kaiser Friedrich III. zum Kardinal erhoben. Da der Name Heseler/Heßler sonst nicht unter den Familiennamen des Untermain-Odenwald-Raumes jener Zeit zu finden ist, handelt es sich bei dem Wenigumstädter Pfarrer Johann Heseler mit großer Wahrscheinlichkeit um einen nahen Verwandten (Bruder oder Onkel) des Kardinals.

 

Bestimmt haben die Raubritter den Wenigumstädter Pfarrer an einen sicheren Ort gebracht - und das war höchstwahrscheinlich ihre Wasserburg am Neustädter Hof. Steckte man den Geistlichen dort in den Keller, dann haben die Steingewölbe wenigstens einen gottesfürchtigen Menschen zu Gesicht gekommen, hielten sich doch dort später, in der ansonsten zerstörten Burg, recht zwielichtige Gestalten auf. So soll der "Belljouseph" (= Betteljosef), ein im Bachgau berüchtigter Räuber, hier seinen Unterschlupf gehabt haben, und im 18. Jahrhundert nahm man dort sogar eine ganze Diebesbande gefangen, wie Unterlagen im Staatsarchiv Würzburg berichten.

 

So unscheinbar heute die Reste der kleinen Wasserburg am Neustädter Hof wirken, so dramatisch ist ihre Historie, die wir nun um ein neues Ereignis bereichern können.

 

 

Literatur

 

Wolfgang Hartmann: Verschwundene Kleinburgen im unteren Mümlingtal.

In: Spessart 1986, Heft 11, S. 2-14.

 

 

Zur Geschichte der Bache von Neustatt und ihrer Burg siehe auch:

 

Das Geheimnis der leeren Grabkammer am Neustädter Hof