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Mag der Landkreis
Miltenberg auch noch jung sein, die geschichtliche Entwicklung seines
Raumes lässt sich über Jahrtausende zurückverfolgen. Funde aus den vor-
und frühgeschichtlichen Epochen reichen bis in die Altsteinzeit. In der
jüngeren Steinzeit, um
3000 v. Chr., entstanden die heute noch
beeindruckenden Ringwälle auf dem Wannenberg über
Bürgstadt und dem Greinberg über Miltenberg, um nur die größeren dieser
auch später noch genutzten Wehranlagen zu nennen.
Um das Jahr 90 n. Chr.
setzten sich die Römer in unserem Raum fest. Sie sicherten die Mainlinie
bis Obernburg durch Kastelle und errichteten als Verteidigungslinie zum
Neckar hin den Odenwaldlimes. Als dieser um 160 n. Chr. bis zum Mainknie
bei Miltenberg vorgeschoben wurde, kamen zu den römischen Lagern in
Niedernberg und Obernburg die Kastelle Wörth, Trennfurt und Miltenberg
hinzu. Nach immer häufigeren Germanenüberfällen wurde die Mainlinie um
260 endgültig aufgegeben. Unter den zahlreichen römischen Funden kommt
vor allem der jüngst in Obernburg ergrabenen Benefiziarierstation eine
herausragende Bedeutung in der Geschichtsforschung zu.
Für die nachfolgende
Epoche der Völkerwanderung deuten archäologische Funde auf ein relativ
friedliches Nebeneinander von ansässiger römischer und einsickernder
burgundisch-alemannischer Bevölkerung. Die Darstellung Christi und der
Apostel Petrus und Paulus auf einer in Obernburg geborgenen Glasschale
aus dem 4. Jahrhundert gibt zu erkennen, dass das Christentum schon früh
am Untermain Fuß gefasst hat.
Um die Mitte des 6.
Jahrhunderts drangen die Franken in unser Gebiet vor. Davon zeugen vor
allem die umfangreichen Gräberfelder des 6. und 7. Jahrhunderts von
Mömlingen und Niedernberg. Neben zahlreichen Gräbern mit fehlenden oder
kärglichen Beigaben entdeckte man Grabstätten mit außergewöhnlich
reicher Ausstattung, darunter sogar Reste von Seide. Die derart
Bestatten sind sicher als Angehörige einer „hochadeligen“ Oberschicht
anzusprechen, die in königlichem Auftrag die fränkische Landnahme in
unserem Raum lenkte.
Ein bedeutsames
Ereignis der Karolingerzeit stellt die um das Jahr 734 erfolgte Gründung
des Klosters Amorbach dar. Die Benediktinerabtei trieb die Besiedelung
voran und blieb für über ein Jahrtausend auch das geistige Zentrum der
Umgebung. Die frühesten schriftlichen Belege für Orte unseres
Landkreises verdanken wir der Überlieferung der wenig später
entstandenen Klöster Fulda und Seligenstadt. Im Jahr 1024 übergab Kaiser
Heinrich II. der Reichsabtei Fulda die Grafschaft Stockstadt, die
Hochgerichtsrechte im nordwestlichen Kreisgebiet (Bachgau) und vermutlich auch im
Westspessart umfasste. Auf den heilig gesprochenen Gründer des Bistums
Bamberg geht sehr wahrscheinlich auch der umfangreiche Fernbesitz
zurück, über den das Bamberger Domstift am Untermain und im nahen
Odenwald verfügte.
Im Mittelalter
entwickelte sich das Erzstift Mainz zur bestimmenden politischen Kraft
in unserem Raum. Zu massiven Interessenskonflikten kam es in der
Stauferzeit. Als Ministeriale Kaiser Friedrich Barbarossas erscheinen
die Reichsschenken von Schüpf am Untermain und nennen sich nach der
zuvor als mainzischer Besitz belegten Burg Klingenberg, später auch nach
der Burg Prozelten („Henneburg“ bei Stadtprozelten).
Staufische Gefolgsleute
und Amtsnachfolger der Reginbodonen waren auch die Edlen von Dürn, Vögte
des Klosters Amorbach und Erbauer der imposanten Burg Wildenberg, sowie
die als Vögte des Stifts Aschaffenburg im Spessart einflussreichen
Grafen von Rieneck. Anders als die Dürn, die ihren Besitz im Raum
Amorbach 1272 an Mainz verkauften, reagierten die Rienecker auf
Ansprüche des Mainzer Erzbischofs. Nicht nur die Erbauung der Burg
Wildenstein bei Eschau, auch die 1232 vorgenommene Gründung des Klosters
Himmelthal diente der Sicherung von Rienecker Positionen im
Westspessart. Auch wenn die Grafen im Jahrzehnte langen Ringen mit Mainz
letztlich unterlagen – die Epoche ihrer staufischen Förderer war vorüber
– , so konnten sie sich doch zahlreiche Besitztitel erhalten, nicht
zuletzt durch Lehensauftragung an die Wittelsbacher Pfalzgrafen.
Pfalzgräflicher Besitz,
der auf Barbarossas Halbruder Konrad von Staufen zurückgeht, war die bei
Kleinheubach gelegene Stadt Wallhausen. Um 1247 wurde sie in der
"Lorscher Fehde" durch Mainz
zerstört, ihre Einwohner zogen in den Schutz der nahen mainzischen
Mildenburg. Damit war der Weg frei für die Entwicklung Miltenbergs zur
wohlhabenden Handelsstadt. Neben Miltenberg erhielten im 13. und 14.
Jahrhundert noch fünf weitere Städte unseres Landkreises ihre
Stadtrechte.
Die Geschichte der
einzelnen Städte und Gemeinden ist mit den Namen zahlreicher weiterer
Adelsfamilien verbunden, unter ihnen die nach heimischen Orten benannten
Niederadeligen von Aulenbach, von Fechenbach, von Riedern, Rüd von
Collenberg, um nur einige zu nennen. Das Erbe der Reichsschenken von
Schüpf ging zunächst getrennte Wege: Klingenberg kam durch Heirat an die
Edlen von Bickenbach, Prozelten über die Grafen von Wertheim an den
Deutschen Orden. Am Ende des Mittelalters konnte Kurmainz beide
Herrschaftsbezirke an sich bringen und war damit Landesherr am
Untermain, auch wenn daneben noch kleine adelige Hoheitsbereiche
bestanden.
Gewaltige Zerstörungen
und verheerende Seuchen brachten die in Folge der Reformation
entstandenen Glaubenskriege mit sich. Die günstige Verkehrslage wirkte
sich in Kriegszeiten sehr negativ aus. Allein der Dreißigjährige Krieg
dezimierte die Bevölkerung unseres Raumes um mehr als die Hälfte. Fast
200 Jahre dauerte es, bis dieser Bevölkerungsschwund wieder ausgeglichen
war. Das Erbe der Mitte des 16. Jahrhunderts ausgestorbenen Grafen von
Rieneck traten hier die ebenfalls reformatorisch gesinnten Grafen von
Erbach an, was heute noch daran zu erkennen ist, dass die ehemals Rienecker Orte
Kleinheubach, Eschau, Hofstetten und Wildensee überwiegend
evangelisch sind.
Zu Beginn des 19.
Jahrhunderts wurden innerhalb des Deutschen Reiches die kirchlichen
Besitztümer weitgehend aufgelöst, so auch das Erzstift Mainz. Mit dem
Spessart kam das nördliche Kreisgebiet an das Fürstentum Aschaffenburg,
dessen Regent der letzte Mainzer Erzbischof Karl Theodor von Dalberg
war. Schon 1814 fiel sein Fürstentum an Bayern. Der Raum
Miltenberg/Amorbach kam 1803 an das Fürstenhaus Leiningen, 1806 an das
Großherzogtum Hessen-Darmstadt, bevor er 1816 ebenfalls dem Königreich
Bayern zugeschlagen wurde. 1818 erfolgten noch kleinere Korrekturen.
1814 erhielten die
alten Mainzer Amtsvogteien die Bezeichnung Landgerichte. Obernburg und
Klingenberg wurden Landgerichte zweiter Klasse, Kleinwallstadt eines
dritter Klasse. Nachdem 1857 Wörth und Trennfurt aus dem Landgericht
Miltenberg an das Landgericht Klingenberg kamen, deckten sich die
Grenzen der drei nördlichen Landgerichte mit dem späteren Kreis
Obernburg. Im Süden entstanden die Landgerichte Stadtprozelten, Amorbach
und Miltenberg. 1862 erfolgte die Trennung von Justiz und Verwaltung,
die drei Landgerichtsbezirke Obernburg, Klingenberg und Kleinwallstadt
wurden zum Bezirksamt Obernburg zusammengefasst, die Landgerichte
Amorbach und Miltenberg bildeten das Bezirksamt Miltenberg. Das
Landgericht Stadtprozelten kam zum Bezirksamt Marktheidenfeld. 1931
wurden die Gemeinden Fechenbach und Reistenhausen vom Bezirksamt
Marktheidenfeld an Miltenberg abgetreten, womit die Entwicklung der
beiden Altlandkreise abgeschlossen war.
Die Gebietsreform von
1972 brachte mit der Vereinigung der beiden Kreise zum neuen Landkreis
Miltenberg nochmalige Grenzkorrekturen. Im Nordwesten kamen Pflaumheim
und Wenigumstadt zum Landkreis Aschaffenburg, im Südosten schob sich die
Kreisgrenze bis nach Faulbach, wo einst die Grenze des Mainzer
Kurstaates verlief.
Wie lange die heutigen Grenzen von Bestand sind,
wird die Zukunft entscheiden.
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