Das Adam-Otto-Vogel-Haus
 und seine Geschichte

 

Das seit einigen Jahren vollständig im Besitz der Gemeinde Mömlingen befindliche Adam-Otto-Vogel-Haus (Anwesen Hauptstraße Nr. 74/76) gehörte im Jahr 1844 je zur Hälfte dem Bäcker Johann Dölger (alte Hausnr. 165) und dem Bauer Leonhard Morschhäuser (alte Hausnr. 165 a). Eine Generation später erscheinen der Steinhauermeister Johann Dölger und der Bäckermeister Otto Vogel als Eigentümer. Die veränderten Berufe der Hausherren hatten zur Folge, dass der alte Dölger-Backofen nun ungenutzt blieb (und wahrscheinlich bald abgebrochen wurde), während Otto Vogel in der fensterlosen Mitte seines Gebäudeteiles erst einen Backofen und Kamin bauen musste. Das war im Jahr 1893.

 

Obwohl die Bäckerei des Otto Vogel keinen langen Bestand hatte – sie musste während des Ersten Weltkrieges zugunsten der nebenher betriebenen Landwirtschaft aufgegeben werden -, blieb der Name „Otto-Bäcker-Haus“ an der Familie und am Anwesen haften. Ottos Sohn, Adam Otto Vogel, der 1875 geborene Ortschronist und Ehrenbürger der Gemeinde Mömlingen, war im Volksmund kurzum „der Otto-Bäcker“.

 

Die Haushälfte der Familie Dölger wurde später geteilt und kam durch Einheirat an die Schwiegersöhne Faustin Göhler und Johann Giegerich. Letzterer verkaufte seinen Teil an _______ Hohm. Von den Erben der Familien Vogel, Göhler und Hohm hat die Gemeinde schrittweise das gesamte Anwesen erworben.

 

Vor dem Jahr 1844 (Erstellung des Urkatasters) sind keine Besitzernamen überliefert. Einen Ansatzpunkt, um auch die frühere Geschichte des Gebäudes zu erhellen, stellt das Schmiede-Handwerkszeichen (Hammer, Zange, Stoßmesser) dar, das den Personeneingang der fränkischen Sandstein-Toranlage schmückt. Die Jahreszahl 1721 auf dem mit einer Löwenmaske („Schreckkopf“) verzierten Schlussstein der Toreinfahrt verrät, zu welcher Zeit ein Hufschmied das Haus bzw. dessen linke (nördliche) Hälfte bewohnte. Einen Rückschluss auf das Alter des gesamten Wohngebäudes erlaubt die eingemeißelte Jahreszahl jedoch nicht, denn das Haus oder zumindest ein wesentlicher Bestandteil davon stammt aus früherer Zeit. Erkennbar ist dies an Besonderheiten des Fachwerks, die Dr. Kahle vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege bereits bei einer Begehung am 29.05.2000 festgestellt hat.

 

Neben den Schmuckelementen der einzigen im Dorf erhaltenen Toranlage dieser Art, die auf einen gewissen Wohlstand ihres Erbauers schließen lassen, fällt auch die zentrale Lage des Anwesens innerhalb des Ortskerns auf. Die unmittelbare Nachbarschaft zum Rathaus, dessen Vorgänger 1571 auf dem gleichen Platz erbaut worden war, legt die Frage nahe, ob vielleicht in den Gemeindearchivalien irgendwelche Nachrichten zur Geschichte des benachbarten Hauses überliefert sind.

 

Indirekt könnte dies tatsächlich der Fall sein, denn wie sich der ältesten erhaltenen Mömlinger Gemeinderechnung von 1609 entnehmen lässt, wurde damals einem Zimmermann aus (Groß- oder Klein-) Wallstadt das gemeine Schmiedhaus verdingt. Diese gemeindliche Schmiede taucht auch in einigen späteren Gemeinderechnungen des gleichen Jahrhunderts auf, wodurch erkennbar wird, dass das Gebäude jeweils für ein oder mehrere Jahre an auswärtige Schmiede – sicher umherziehende Handwerksburschen – verpachtet worden ist. 1616 vergab die Gemeinde Arbeiten an der Schmiede sowie am Backofen eines gemeinen Hauses.

 

Angaben über den Standort der gemeindlichen Schmiede bzw. des mit einem eigenen Backofen ausgerüsteten (gleichen?) gemeinen Hauses sind weder in den zitierten noch in anderen Archivalien zu finden. In den wenigen erhaltenen Gemeinderechnungen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts findet sich erstmals zu 1808 ein Verzeichnis der gemeindlichen Gebäude. Es nennt neben Rathaus und Schulhaus lediglich noch drei Hirtenhäuser (für den Kuh-, Schweine- und Schafhirten). Da einerseits die Tradition gemeindlicher Hirtenhäuser sehr weit zurückreicht, andererseits keinerlei Anhaltspunkte für eine Identität mit der einstigen Dorfschmiede bzw. dem Backofenhaus vorliegen, so müssen letztere bereits vor 1808 aus gemeindlichem in privaten Besitz übergegangen sein.

 

Vom einstigen gemeindlichen Wohnhaus, das einen eigenen Backofen besaß, ist zu unterscheiden das allen Dorfnachbarn zugängliche Backhaus. Das älteste „Backes“ des Ortes stand bis in jüngere Zeit ebenso in nächster Nähe des Rathauses wie eine ebenfalls schon früh belegte, überdachte Gemeindewaage (auch „Mehlwaage“ genannt) und ein öffentlicher Ziehbrunnen. Mehrere Indizien deuten darauf hin, dass die einst an das Backhaus grenzende Ölmühle ebenfalls im Besitz der Gemeinde war. Nicht zu vergessen ist der früher größere freie Platz zwischen Rathaus und Kirche, auf dem das Dorfgericht tagte.

 

Die ehemalige Konzentration gemeindlichen Besitzes und öffentlicher Einrichtungen im Bereich des 1571 errichteten alten Rathauses legt die Schlussfolgerung nahe, dass es sich bei dem mit einem Schmiedehandwerkszeichen geschmückten Nachbaranwesen um das bereits 1609 urkundliche belegte gemeindliche Schmiedhaus handeln könnte. Gut denkbar wäre auch, dass mit dem gleichzeitig erwähnten gemeindlichen Haus, zu dem ein eigener Backofen gehörte, jene Hälfte des Wohnhauses gemeint war, in der sich später die Bäckerei Dölger befand. Ob diese Vermutungen zutreffen, ob die Zimmermannsarbeiten von 1609 im Zusammenhang mit einem Neubau oder Umbau standen, ob später– wie am Rathaus – Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges zu beheben waren, ab wann Reparaturen und Umbauten (die das Haus mehrfach erfahren hat) besitzrechtlich getrennt, also privat und nicht mehr von der Gemeinde vorgenommen worden sind, diese und weitere Fragen werden sich, wenn überhaupt, wohl nur teilweise durch eingehende Untersuchungen des Gebäudes beantworten lassen.

 

Mömlingen, im Oktober 2000

Wolfgang Hartmann